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Den Lebensmittelpunkt räumlich verändern, wo anders hin gehen, so sind über Jahrhunderte Städte entstanden, es wurde Arbeit gesucht, gefunden, verloren, man/frau ist der Liebe gefolgt, geblieben, gegangen und Städte sind gewachsen. Die Globalisierung und der Neoliberalismus haben Ende des letzten Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts die Menschen mobiler gemacht. Einige sind privilegiert beruflich unterwegs, eingebettet in ein Sozialsystem. Doch auch da tun sich viele Fragen auf: Wie ist das Ankommen in einer neuen Umgebung, einem anderen Land, welche Rolle spielt die Sprache, findet auch der Partner, die Partnerin einen Job, kann ich teilhaben am gesellschaftlichen, sozialen Leben, finde ich gute Kontakte für ein unterstützendes soziales Netzwerk usw. usw. Sind auch Kinder mit dabei erweitern sich diese Fragestellungen um Bildungsangebote von der Kleinkindphase bis zum Schulabschluss, wie gestaltet sich dieses Erleben, wie können hier die bestmöglichen Entscheidungen getroffen werden, wie kann ich meine Kinder bestmöglich fördern, Fragezeichen über Fragezeichen.

Menschen erleben aber auch andere existentielle Herausforderungen wie den Verlust der Frauenrechte, der Menschenrechte, wie Hunger,Krieg und die voranschreitende Klimakatastophe, die den Aufbruch forcieren. Mehr und mehr Menschen sind gezwungen zu gehen. Was bedeutet das? Welche Aussichten ergeben sich aus dem Ankommen in einem anderen Land, welche Hoffnungen, Ängste begleiten mich, wie kann ich mein Überleben sichern...? Unterwegs sein, nomadisch-sesshaft sein, flexibel sein, leben und überleben können, das sind Fragen die uns heute alltäglich begleiten. Wie stellen wir uns diesen, wieviel Ablehnung, Fremdsein erleben wir, woran sind wir beteiligt, können wir Haltungen verändern? Jetzt, in Zeiten der Pandemie, die vor Grenzen nicht Halt macht, auch wenn man diese dicht macht, wird der Umgang mit Migration zunehmend polarisierend erlebt. Worin liegen Chancen und Handlungsspielräume menschenfreundlich zu agieren? Fragen über Fragen tun sich auf.

 

Biografien erforschen.  Wenn frau sich mit Migration beschäftigt taucht sie bald tief ein in das Erleben einzelner Menschen, hört ihre Geschichten, ihre Erlebnisse, ihre Lebensentwürfe, deren Veränderungen, erfährt von Aufbrüchen und Umwegen, von Karrieren und dem Neubeginn, von Hoffnungen, Erwartungen, Wünschen, von Abbrüchen, Sorgen, Ausweglosigkeiten und  Befürchtungen. Die Migration(sforschung) ist mit der Biografie(forschung) eng verbunden. Es geht um die Erfahrungen der Menschen wo immer sie auch hingehen. Deswegen arbeite ich mit Gruppen in Biografie Workshops, um wieder Handlungsspielräume zu öffnen, um Ungesagtes mitzuteilen, um Vergessenes, Verdrängtes hervorzuholen, zu teilen, es wieder neu zu beleuchten und auf Ressourcen zurückzugreifen, die wieder geweckt werden. Auch wenn es darum geht Weggelassenes, Ausgelassenes, Übersehenes, Vergessenes, scheinbar Unwichtiges sichtbar und erlebbar zu machen, ist das biografische Mitteilen eine Befähigung die Verbundenheit mit anderen zeigt, neue Kraft im Gestern und Heute findet und einen Perspektivenwechsel bewirkt.

 

“Die Erinnerung (der bewusste Akt des Sich-Erinnerns) ist eine Form von gewolltem Schaffensvorgang. Es geht nicht um das Bemühen herauszufinden, 
wie es wirklich war – das ist Recherche.Es kommt darauf an, sich damit zu befassen, wie es einem erschien und warum es einem auf diese 
spezielle Weise erschien.“ (Morrison, T. (2020). Selbstachtung. Ausgewählte Essays. Hamburg: Rowohlt. S:505)